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Der Werwolf geht um in Tarker Mills. Monat für Monat sucht er sich in hellen Vollmondnächten ein neues Opfer. Nur Marty, ein an den Rollstuhl gefesselter Junge, ahnt, dass das Böse dort lauert, wo es niemand vermutet. Er nimmt den ungleichen Kampf gegen die mordende Bestie auf. gelesen von Joachim Kerzel |
ungekürzte Buchfassung nach Stephen King - Redaktion:
Regina M. Hartig - Produktion und Regie: Marc Sieper - Akustische Motive:
Michael Marianetti - Tontechnik: Horst-Günter Hank - (C) Lübbe Audio 1997
Gesamtspielzeit: ca. 120 Minuten
Kommentar
Stephen King trifft auf den Werwolf und es ist klar, dass dabei etwas besonderes herauskommen muss. Normale Werwolfgeschichten sind meistens sehr eindimensional sowohl in der Charakterisierung des Mörders als auch seiner Opfer. Die Geschichte läuft immer nach Schema F ab und berichtet von einem Menschen, der zumeist gegen seinen eigenen Willen und unter großen individuellen Qualen dazu verdammt ist, sich bei Vollmond in einen Lykanthropen zu verwandeln und auf Mord auszugehen. Das tragische an dieser Konstellation wird dann entweder stark in den Vordergrund gespielt oder aber - wie in diversen Groschenromanen - zugunsten der Slasher-Thematik an den Rand gedrängt.
Stephen King geht einen etwas anderen Weg, indem er hier auch eine besondere Art der Geschichtenerzählung gewählt hat. Nun gut, um die Geschichte nicht zu verfälschen sollte man wohl sagen, dass diese Art und Weise ihm aufgezwungen wurde. Und so ist die Geschichte hinter "Das Jahr des Werwolfs" (für mich nach wie vor der bessere Titel) fast so spannend wie die, die in dem Buch erzählt wird.
Anfang der 80er Jahre entwickelte Stephen King sich von dem Autoren, der in sehr ärmlichen Verhältnissen gelebt hatte als er "Carrie" schrieb, gerade zu dem Phänomen, als das die meisten von uns ihn kennen. Er war zu einer Vermarktungsstrategie geworden, die aus allem - inklusive der oft zitierten Einkaufsliste, wenn er sie denn je publiziert hätte - Gold machen konnte. Die Bindung zu seinen Anfängen, die er als Lehrer und in den kargen Jahren der brotlosen Schreiberei gehabt hatte, war ihm ein wenig verloren gegangen und das ärgerte King. Also suchte er sich einen Ausgleich für seine Millionenbeststeller und fand diesen auf dem Markt der Sonder- und Fanausgaben. Neben den Erstausgaben von "Die Augen des Drachen" und "Schwarz" war auch ein kleines Büchlein für diesen Markt vorgesehen.
Ein Fan und kleiner Herausgeber hatte Stephen King mehr oder weniger "einfach so" angesprochen und ihn darum gebeten, rund um 12 Farbtafeln des Künstlers Berni Wrightson kleine Vignetten anzufertigen, damit diese dann zusammen als Jahreskalender veröffentlicht werden könnten. King sagte zu, wohl im Eingedenken, damit wieder etwas für seine Reputation bei den Fans tun zu können, denn Verkaufszahlen würden sich mit so etwas naturgemäß nur schwerlich erzielen lassen.
Nun ja, für diejenigen unter euch, die es ebenso wenig wissen, wie Stephen King es gewusst haben kann: Vignetten sind megakurze Geschichtsabschnitte, die bequem und ohne weiteres auf eine Kalenderseite zu einem Bild gepasst hätten. Wer aber schon einmal einen Roman von King gelesen hat der wird sich denken können, dass es diesem wortgewaltigen Menschen mehr als schwer viel, sich auf dieses Format einzulassen. Also blieb die Arbeit am Werwolf-Thema lange neben der Schreibmaschine liegen, bis King ein schlechtes Gewissen bekam. Er setzte sich mit dem Auftraggeber in Verbindung und fragte an, ob man sich statt des Kalenders nicht vielleicht auch auf eine kurze Geschichte, aufgeteilt in 12 Monate, einigen könne. Ein kurzes Buch sozusagen... in einer King-Biographie wird unterstellt, dass der Herausgeber sich eigentlich genau das von Anfang an gewünscht hätte und sich nur nicht zu fragen getraute. Also wurde aus "Das Jahr des Werwolfs" ein kleines Buch.
Aber es blieb eine Geschichte in der Hauptsache für die Fans, die nur über eingeschränkte Vertriebswege an das Buch kommen konnten, das es auch nur in einer sehr kleinen Auflage geben sollte. Aber wer weiß, wie regelmäßig die Bücher Kings in die Beststellerlisten schießen, der wird sich denken können, was es für ein Theater gab, als dieses Buch bei der breiten Masse der Leser bekannt wurde. Anfragen häuften sich, Preise schossen in die Höhe und schließlich ging der Werwolf den gleichen Weg wie auch "Schwarz" und "Die Augen des Drachen". Sie wurden neu aufgelegt in einer Variante für den Massenmarkt und wurden zu Bestsellern. Für "Der Werwolf von Tarker Mills" bedeutete das das volle Anlaufen der Marketingmaschinerie, was in einem Kinofilm gipfelte... und in einem Hörbuch.
Somit komme ich endlich wieder auf die vorliegende Produktion zurück. Das Format einer Lesung bot sich für den Werwolf wohl geradezu an, denn es handelt sich um ein recht kurzes Werk, das die Aufnahmefähigkeit der Zuhörer nicht über Gebühr beansprucht. Außerdem kann man es sogar in mehreren Abschnitten hören, weil die Geschichte ja von Haus aus in 12 Teile unterteilt ist. Mit fortlaufender Spielzeit wird es allerdings immer schwerer, sich dem Geschehen zu entziehen, so dass man am Ende doch wieder die ganzen zwei Stunden an einem Stück durchgehört hat.
Von der technischen Seite her entspricht dieses Hörbuch dem Standard der weiteren frühen King-Vertonungen wie "Nachtschicht" oder "Briefe aus Jerusalem". Das bedeutet mehr oder weniger ein reines Vortragen, sehr dezent untermalt von der einen oder anderen Musikeinspielung. Joachim Kerzel liest den Text vor und damit muss man eigentlich schon gar nicht mehr zu dieser Produktion sagen. Kerzel spricht für sich und ist in punkto King-Adaptionen inzwischen eine Erfolgsgarantie. Seine Stimme ist für diese Art Stoff einfach wie geschaffen, er bringt sowohl die Dramatik rüber, die Aktion, wie auch die ruhigen Momente.
Vor allem eine Stelle aus dem Werwolf ist mir in dieser Hinsicht in Erinnerung geblieben. Im Februar, als noch niemand in Tarker Mills von der Existenz der Bestie ahnt, wird von einer einsamen Frau berichtet, die sich nach einem Liebhaber sehnt und aus dieser Sehnsucht heraus den auftauchenden Werwolf fast freudig willkommen heißt. Hier spricht Kerzel sehr sanft, man kann sich in die Melancholie der Frau hineinversetzen, für die der Tod in den Klauen der ebenfalls fast zärtlich skizzierten Bestie beinahe eine Befreiung zu sein scheint.
Hier merkt man auch, dass King mehr im Sinn hatte als nur eine Facette des Wolfs zu zeigen. Die Geschichte lebt über die Distanz von den verschiedenen Herangehensweisen. Der Wolf wird immer wieder in einem anderen Blickwinkel beschrieben. Ist er im Februar zärtlicher Erlöser, so kommt er im Januar als wilde Bestie daher in einer Szene, die dem klassischen Werwolf-Slasher entspricht. Übrigens ist dieser Monat auch der einzige, in dem ich etwas bei Kerzel auszusetzen habe. Ihm fehlt an manchen Stellen ein wenig die Dynamik. Fast scheint es, als müsse er sich erst ein wenig warm sprechen, denn im weiteren Verlauf kommt er besser in Fahrt. Vor allem der April hat es mir angetan, denn hier wird der Wolf das erste Mal äußerlich beschrieben und Joachim Kerzel sorgt dafür, dass man diese Gestalt sofort vor Augen hat. Sehr gut gemacht!
Da letztlich aber diese Lesung wie alle anderen Lesungen auch mit dem Stoff steht und fällt, der Grundlage gewesen ist, kann ich sie letztlich nicht wirklich empfehlen. Denn obwohl der Werwolf facettenreich in Szene gesetzt wurde, obwohl die Erzählung in sich schlüssig ist und obwohl die Präsentation mal wieder packend ist, ist die Geschichte als solche für mich ein wenig dröge. Das Buch lebt ein wenig von den sehr stimmungsvollen Bildern zu den einzelnen Episoden. Hier werden einzelne Punkte herausgenommen und auf den Punkt gebracht. Dem Medium Hörbuch kann so etwas natürlich nicht gelingen, man hat nur den Wortlaut, der zwar nicht schlecht ist, dem man aber stellenweise anmerkt, dass King nicht wirklich mit ganzem Herzen bei der Sache war.
In meinen Augen hätte sich "Der Werwolf von Tarker Mills" wesentlich besser als richtiges Hörspiel gemacht, in dem man ähnlich des Films stärker auf die umfassende Haupthandlung rund um einen behinderten Jungen abgestellt hätte, der dem Wolf langsam auf die Schliche kommt. Dieser Handlungsstrang hätte sich für eine Umsetzung in Hörspielform geradezu angeboten und dass man gute Hörspiele auf King-Basis machen kann hat nicht zuletzt auch die Produktion zu "Friedhof der Kuscheltiere" aus anderem Hause bewiesen. Auf der anderen Seite hätte man dann auf Kerzel verzichten müssen... keine leichte Entscheidung.
Fazit